Verdammte Technik

12
Nov
2011

Breitwandformat: Trägt nicht auf

Heute hat radicchia Radicchio gekauft - und einen neuen Monitor. Der alte zeigte schon vor geraumer Weile gewisse Zuckungen, die man auch als eigenes Augenzucken oder optische Täuschung hätte abtun können. Aber ich wollte auf Nummer Sicher gehen - schließlich ist der Monitor mein Fenster zur virtuellen Welt, sowie zu meinen Manuskripten und Kurskonzepten, die auf dem Rechner lagern.
Also bestellte ich einen neuen Gebrauchten bei einem Händler meines Vertrauens. Nicht bestellt hatte ich dagegen die senkrechten rosa Streifen, die sich nach einigen Tagen auf dem Bildschirm zeigten, und zwar unabhängig davon, an welchem Rechner das Ding angeschlossen war. Schade. Nachdem ich das fehlerhafte Gerät zurückgeschickt und auch die Versandkosten erstritten hatte, nahm ich erst mal wieder den guten alten HP 1730 in Gebrauch. War mir sowieso lieber: Schön handlich und klein, und das Bild schien irgendwie komfortabler für meine Augen. Und vielleicht hatte ich mich ja getäuscht, und er würde es noch eine Weile tun.
Heute dann das endgültige AUS: Das Bild blieb schwarz.
Nach meinen Erfahrungen mit dem Onlineversandhandel (wer schon mal einen Monitor für den Transport mit einem Paketdienst verpackt hat, weiß, wovon ich rede) kam mir der gute alte Media Markt schon fast wie ein Elektronik-Tante-Emma-Laden vor: Mehrere Modelle zum Anfassen und -schauen und leidliche Beratung. Der Monitor ist schön flach und trägt nicht auf, wie mir der Verkäufer versicherte! Und der Rahmen imitiert gebürstetes Metall, ist also resistent gegen Fingerabdrücke. Ist das nicht schön, wie ich als Frau technisch beraten werde? Zum Glück hatte ich mich schon vorher über mein Wunschfabrikat schlau gemacht. Und nun steht er hier und wird hoffentlich so bald nicht wieder ausgetauscht, mein 22-Zöller von LG. Auch wenn die Augen sich erst an das Breitwandformat gewöhnen müssen! Die rechte Hälfte des Bildschirms bleibt nun, so lange ich blogge, mädchenhaft rosa. Und dank LED-Technik verhält er sich sogar sparsam mit Platz und Strom.
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15
Jul
2011

Wunderwerk der Technik

Dass mein aktuelles Mobiltelefon erst mein drittes ist, ist ungewöhnlich, denn schließlich bin ich über dreißig. Sein Vorgänger funktioniert auch noch, nur das erste, ein unkomfortabler Knochen, musste aus Haltbarkeitsgründen entsorgt werden. Das zweite ist alle paar Wochen mit einer österreichischen Prepaidkarte namens eety (nach Hause telefonieren!) im Einsatz. Das dritte kaufte ich, um MP3-Player, Radio und Telefon in einem Gerät zu vereinen. Es kann auch wirklich viel und hat ein schickes Design in Rot. Nur, wie so häufig bei Nachfolgemodellen, wurde an der Ausstattung gespart: Das Ladekabel ist wesentlich kürzer als früher und scheint auch nicht mehr so robust. Und natürlich passt das alte Ladekabel nicht mehr an das neue Handy gleichen Fabrikats. Es sei denn, man stöpselt den Stromstecker (alt) in die Kopfhörerbuchse (neu). Rein mechanisch ist das möglich. Was dann passiert? Das würde mich als Ingenieurin auch mal interessieren. Aber man muss ja nicht alles ausprobieren, nicht wahr?
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5
Feb
2011

Wellnessfeeling

Rias neuer Job war nicht unbedingt ein Traumjob, aber immerhin hatte sie jetzt eine nette Chefin: Frau Sammt war die Inhaberin von Sammt & Sauber Kanaltechnik und kümmerte sich ums Kaufmännische, während Ria den Einsatz von Personal und Fahrzeugen koordinierte. Am Anfang hatte Ria gestaunt, wie viel High-Tech mit der Reinigung und Untersuchung von Abwasserkanälen verbunden war. Sie bewunderte Philipp, dessen Arbeitsplatz im Innern des Transporters an die Brücke von Raumschiff Enterprise erinnerte. Er hatte tatsächlich ein wenig von Mr. Spock mit seinen glatten, schwarzen Haaren und den eigenwillig geformten Ohren, und er war jederzeit korrekt. Nach ihrem letzten Job wusste sie das mehr als zu schätzen. Auch jetzt saß er ruhig vor seinen Bildschirmen und steuerte die Kanalkamera mit seinem Joystick. Früher hatte Rias Zuständigkeitsbereich bei formschönen Kloschüsseln in Luxusbädern geendet. Jetzt guckte sie fast jeden Tag in die Rohre unter Gebäuden und Vorgärten. Die Anschlussleitung des Gebäudes, in dem unten eine schicke Modeboutique untergebracht war, sah ganz gut aus. Inzwischen konnte sie das auch selbst beurteilen. Sie hatte schon eine Menge von Philipp gelernt. "Hier sind wir fertig. Ich setze das Auto um zum nächsten Schacht, du kannst ja inzwischen ein bisschen shoppen gehen", grinste Philipp, und Ria grinste zurück: "Du wirst lachen, genau das mache ich."
"Nimm dir 'nen Schirm mit. Es fängt an zu regnen", sagte er. Er zog einen ziemlich ramponierten, grün-braun karierten Stockschirm unter seinem Sitz hervor und überreichte ihn ihr mit einem Lächeln. "Tolles Modell", sagte Ria. "Den hast du wohl irgendwann mal aus dem Kanal gezogen?"
"Kann schon sein." Philipp drückte den Knopf der Gegensprechanlage und gab seinem Helfer draußen die Anweisung, die Kamera einzuholen. Ria kletterte aus dem Wagen.
Im Schaufenster der Boutique hingen nette Sachen. Sie hatte sich lange nichts Neues mehr geleistet. Gestern war ihre Probezeit abgelaufen, und Frau Sammt war zufrieden mit ihr. Zur Feier des Tages würde Ria sich etwas gönnen. Als sie den Laden betrat, klingelte ein Glöckchen. Ria stellte ihren Schirm neben dem Eingang ab. "Ich möchte mich ein bisschen umsehen", sagte Ria, "kann ich mir hier irgendwo die Hände waschen?" Die Frau hinter der Theke nickte und deutete auf eine Tür gegenüber dem Eingang. Der aschefarbene Pferdeschwanz, zu dem sie ihre Haare auf dem Hinterkopf zusammengezurrt hatte, wippte aufsässig. Wahrscheinlich hatte sie die Gesichtsmuskeln gleich mit festgetackert, ihre Lippen wirkten verspannt.
Der Waschraum war überraschend geräumig und gemütlicher als der Laden. Ria setzte sich auf das braune Ledersofa und stopfte sich eines der flauschigen Kissen ins Kreuz. Loungemusik waberte durch den Raum, im winzigen Fenstersims waren Teelichter aufgereiht. Es roch leicht muffig. Daran konnten auch die getrockneten Rosenblätter und Lavendelblüten nichts ändern, die ihre natürlichen Düfte schon vor Jahren ausgehaucht haben mussten. Daneben stand ein kleines Fläschchen. Ria öffnete den Schraubverschluss und gab ein paar Tropfen Wellnessfeeling in die muschelförmige Porzellanschale. Von dem süßen, synthetischen Geruch wurde ihr schlecht. Sie nahm einen Schluck Wasser aus dem Hahn und ließ sich zurück auf das Sofa fallen. Neben dem Duftpotpourri befanden sich Feuchttücher, ein Deospray sowie eine Auswahl von Binden und Tampons, die vermutlich früher oder später im Kanal landen würden. Zwar wies ein Schild auf der Innenseite der Klokabine darauf hin, Hygieneartikel nicht im Klo zu entsorgen, aber wen interessierte schon, was im Kanal ankam? Als Ria wieder in den Laden hinaus trat, spießte der Blick der Verkäuferin sie missbilligend auf. War es verboten, sich die Hände zu waschen? Oder gar eine Zumutung, dass sie etwas zu kaufen gedachte? Ria beschloss, dieses Problem ganz bei der anderen Frau zu lassen, und blätterte die ausgefallenen Kleider durch. Zwei davon nahm sie mit in die Kabine, sie wollte endlich einmal etwas Neues ausprobieren. Als sie den Vorhang hinter sich zumachte, schoss die Verkäuferin hinter der Theke hervor. Sie griff nach dem Vorhang und zog ihn gewaltsam wieder auf. Anklagend richtete sie ihren krallenbewehrten Zeigefinger auf die beiden Kleider: "Ein Etuikleid! Das sage ich Ihnen gleich, das passt so gut wie nie einer Kundin aufs erste Mal. Schon gar nicht bei so einem Hohlkreuz wie Ihrem."
"Ich war kürzlich bei einem Physiotherapeuten", antwortete Ria irritiert. "Mit mir ist alles in Ordnung." Ria fragte sich, wie es möglich war, dass jemand gleichzeitig die Augen zusammenkneifen und die Brauen hochziehen konnte. Vielleicht lag es daran, dass sie aufgemalt waren. Das Haar saß so streng, dass es wehtun musste. Vielleicht war die Verkäuferin deshalb so übellaunig. Einen Moment lang starrte Ria in die boshaft blitzenden Augenschlitze, dann griff sie entschlossen nach dem Vorhang. Eine griesgrämige Verkäuferin würde sie nicht davon abhalten, dieses hellblaue Traumkleid zu probieren. Der weiche Jerseystoff fühlte sich gut an. Darüber lag noch eine zweite Schicht aus blumenbedrucktem, hauchdünnem Chiffon. Die Farben brachten ihre blauen Augen zum Leuchten. Sie streifte das Haargummi ab und fuhr mit beiden Händen durch ihr langes Haar. Es war fein und hatte die Farbe von hellem Gold - weit entfernt von dem Straßenköterblond, mit dem diese Beißzange da draußen geschlagen war. Obwohl sie seit Wochen nicht mehr beim Friseur gewesen war und in letzter Zeit nicht viel für ihr Äußeres getan hatte, fühlte Ria sich zum ersten Mal seit Monaten so richtig lebendig – und sie trug dieses unglaublich romantische, sexy Kleid. Was Philipp wohl dazu sagen würde, wenn sie in diesem Aufzug zu ihm hinausging? Sie hatte sich geschworen, nie wieder mit einem Kollegen etwas anzufangen. Schade eigentlich, denn Philipp war ein wirklich netter Typ. Und er nahm alles ganz genau. Vermutlich hätte er sie gedrängt, Sicherheitsstiefel und eine Warnweste zu ihrem Kleid zu tragen. Und orange passte nun wirklich nicht dazu. Versunken lächelnd trat sie aus der Kabine, wo die Verkäuferin ihr auflauerte. Ohne zu fragen, griff sie in den Stoff am Rückenausschnitt und zog das Oberteil eng zusammen. "Das steht Ihnen nicht, dafür haben Sie viel zu wenig Busen. Ist schließlich ein französisches Kleid!", kreischte sie. Ria erwachte augenblicklich aus ihren Tagträumen und flüchtete sich zurück in die Kabine. Unglaublich, wie man hier mit Kundinnen umsprang. Zum Glück zwang sie niemand, Geld in diesem Laden zu lassen. Eilig schlüpfte sie aus dem Kleid. In Slip und BH stand sie vor dem Spiegel – und war immer noch zufrieden mit dem, was sie sah. Ihre Haltung war tadellos, und ihre Brüste hatten genau die richtige Form und Größe. Sie mochte ihren Busen. Alexander hatte ihn auch gemocht. Alexander. Sie griff nach ihrem T-Shirt und spürte, wie die Wut von ihr Besitz ergriff. Diese kalte, stille Gewissheit, die sie zu allem befähigte.
Nachdem sie sich umgezogen hatte, ging sie noch einmal aufs Klo. Sie nahm die angebrochene Packung Klopapier aus dem Schränkchen unter dem Waschbecken und stopfte es unter ihre geräumige Windjacke. Beim Hinausgehen nahm sie ihren Schirm aus dem Ständer. Der Kontrollschacht neben der Boutique war noch nicht wieder verschlossen, sondern mit einem Gitterrost gesichert. Ria nahm ihn weg und legte sich bäuchlings auf den Boden. Der Schacht war höchstens einen halben Meter tief, sie konnte bequem hinein greifen. Ein feucht-muffiger Geruch strömte ihr entgegen, erdig und ehrlich. Sie bastelte sich aus der Plastiktüte und dem Klopapier einen ordentlichen Stopfen, presste ihn in den Zulauf, der von der Boutique kam, und sicherte ihn mit dem Regenschirm. Er hatte genau die richtige Länge, um ihn gegen die Schachtwand zu klemmen.
Als sie an der Ladentür vorbei ging, hing dort ein Schild, das einen vierzehntägigen Betriebsurlaub ankündigte. Umso besser, dachte Ria. Es würde eine Weile dauern, bis jemand bemerkte, dass das Wasser aus den oberen Stockwerken nicht mehr ablief. Jedenfalls nicht dorthin, wo es sollte.
190 mal gelesen

5
Jan
2011

Stromausfall

Es war kalt in dem kleinen Appartement im 1. Stock; so kalt, dass Roman nicht einmal den Mut aufbrachte, einen Arm aus dem Schlafsack zu strecken und nach seinem Pulli zu greifen, den er wenige Stunden zuvor über den Bürostuhl geworfen hatte. Bestimmt hatte die Schiekofer mal wieder die Umwälzpumpe ausgeschaltet. Sein Blick fiel auf den Radiowecker, kurz vor halb fünf Uhr morgens. Er zögerte den Augenblick hinaus, bis er wirklich dringend aufs Klo musste. Drei, zwei, eins... jetzt! Er sprang aus dem Bett, griff sich den Pullover und sauste ins Bad.
"Blöde Kuh", murmelte er, während er sich auf der eiskalten Klobrille niederließ. Die Schiekofer war schuld; ihretwegen schlief er im Schlafsack, den er einst für einen Campingurlaub in Nordnorwegen gekauft hatte; ihretwegen konnte er auf dem Örtchen nicht die Radiozeitung lesen, zumindest nicht jetzt im Winter. Auch im Sommer fand die Schiekofer genügend Möglichkeiten, ihn, ihren Mieter, zu schikanieren. Und Roman ließ es sich gefallen. Meistens. Er mochte sein Appartement. Was er nicht mochte, waren Auseinandersetzungen, und so versuchte er, der tagaktiven Frau Schiekofer aus dem Weg zu gehen.
Er überlegte. Zum Aufstehen war es noch zu früh, zum Weiterschlafen zu kalt. Eine Wärmflasche wäre eine Lösung gewesen, hätte er nicht schon seit seiner Kindheit eine unerklärliche Abneigung gegen die wabbeligen Gummidinger gehegt. Nein, etwas Elektrisches sollte es sein, und so kam ihm eine Idee.
Er machte sich an seinem schier unerschöpflichen Fundus alter Elektrogeräte zu schaffen. Gar Erstaunliches förderte er zu Tage, vom defekten Haarföhn über die Nachttischlampe, die seine Schwester beinahe das Leben gekostet hatte, das angeschmorte Kabel eines längst vergangenen Bügeleisens und die kleinen batteriebetriebenen Scheibenwischer, die man an der Brille befestigen konnte. Allerdings besaß Roman nur Sonnenbrillen, auch so eine fand er, mit Blinklichtern auf beiden Seiten, von einer altersschwachen Knopfzelle gespeist. Und schließlich, ganz hinten im Kleiderschrank, wartete der Heizlüfter auf ihn, ein lustiger Kasten aus Siebzigerjahrefurnier.
Behutsam hob er ihn ans Licht und schob den Stecker in die Steckdose. Voller Freude über seinen genialen Einfall senkte er den Zeigefinger auf die Einschalttaste, höchste Stufe. Und dann - ein Blitz in der Tiefe unter den Lüftungsschlitzen, und das Zimmer lag im Dunkeln. "Verdammt." Jetzt erinnerte er sich, warum er damals das Gerät unten im Kleiderschrank verstaut hatte. Er hätte es entweder gleich reparieren oder wegwerfen sollen. Täuschte er sich, oder hörte er Schritte im Treppenhaus? Er fröstelte, nicht nur wegen der Temperatur. Egal, er musste in den Keller, wie immer, wenn ihm wegen seiner Basteleien die Sicherung herausgeflogen war. Sollte die Schiekofer am Ende schon wieder putzmunter sein? Roman wickelte sich den Schlafsack um die Schultern und schlich, die Leuchtbrille im Haar, so leise wie möglich hinaus auf den Flur. Zwei, drei Stufen knarrten, er wich ihnen im schwachen Schein, den die Straßenlaterne hereinwarf, so gut wie möglich aus. Nur noch ein paar Schritte bis zum Sicherungskasten, redete er sich zu.
Sie schrie, bevor er selbst Zeit fand, zu erschrecken. "Schscht!", machte er und legte eine Hand auf ihre Schulter, aber sie schüttelte ihn ärgerlich ab.
"Mensch, Roman!"
"Ach du", sagte er erleichtert.
Es war Nella aus dem zweiten Stock, sie zupfte an seinem Schlafsack. "Du siehst gespenstisch aus! Warst du das mit der Sicherung? Ich konnte nicht schlafen und habe gelesen, als das Licht ausging."
Er nickte in die Dunkelheit. Dabei rutschte ihm die Brille aus dem Haar, die Lichter glimmten nur noch schwach.
Nella griff nach der Brille und kicherte. "Bin ich froh, dass du nicht Frau Schiekofer bist."
"Ich auch."
Er kannte sie nicht gut, sie grüßten sich im Treppenhaus. Jetzt stand sie neben ihm in einem Mickymaus-Shirt, es war so gut wie dunkel, ihre Hand legte sich über seine auf dem FI-Schalter.
"Ist dir auch so kalt?", fragte sie.
"Mhm."
"Ganz schön geizig, unsere Vermieterin, was?"
"Mhm."
Sie stiegen hintereinander die Treppe hoch zu seiner Wohnungstür. Er griff kurz an die Stelle, wo seine Hosentasche mit dem Schlüssel sein sollte. Aber er trug natürlich Jogginghosen, der Schlüssel war in der Jeans, die Jeans über dem Bürostuhl, der Stuhl in seiner Wohnung hinter der geschlossenen Tür. "Mist. Und wo krieg ich jetzt um fünf Uhr morgens einen Schlüsseldienst her, noch dazu am Sonntag?"
"Die kommen auch nachts, du kannst bei mir telefonieren."
"Ja, aber was das kostet - hast du Werkzeug im Haus?"
"Schon möglich." Er hörte ein Lächeln heraus und folgte ihr nach oben.
Ihre Wohnung war etwas größer als seine, hatte einen kleinen Flur und mindestens zwei Zimmer. Die Tür gleich neben dem Eingang führte ins Schlafzimmer, Nella ging hinein und er fragte sich, ob sie ihr Werkzeug unter dem Bett aufbewahrte. Als er es sah, verwarf er den Gedanken: das Bett war sehr niedrig, aber breit, darauf viel weicher Flanellstoff in warmen Tönen.
"Willst du nicht bei mir übernachten?"
"Schon möglich", sagte Roman. Nella nahm den lila Schlafsack von seinen Schultern, versteckte ihn unter den erdigen Farben und zog Roman hinter sich her, mitten hinein in die Wärme.

zuerst erschienen auf www.online-roman.de, 2005
171 mal gelesen

20
Jul
2010

Lockere Schrauben

In Romans Bett war es warm und kuschelig, aber er musste ständig an dieses alte Tonbandgerät denken, an dem er kurz vor dem Schlafengehen noch gebastelt hatte - bis ihm diese verdammte Schraube heruntergefallen war. Er suchte sie überall, konnte sie aber nicht finden. Deshalb war er eigentlich viel zu aufgedreht zum Schlafen, aber die Stimmen aus dem Radiowecker beruhigten ihn. Zunächst. Die Stimmen... lauter werdende Stimmen... ein Schrei... ein sich überschlagendes Pfeifen wie von einer Rückkopplung und dann diese nervtötend schrille Stimme: "Huuuuhuuuuuuuuuuuiiii! Was ist das! Was – ist – das?! Aaaaaaiiii!" Es polterte, als ob ein Stuhl umgestoßen würde. Wummernde Paukenschläge holten Roman endgültig wieder aus dem Schlaf. Dann riss die Musik ab, und eine blecherne Stimme sagte drohend: "Der KONDENSATOR ist zurück!"
Jäh säbelten Geigen los. Roman langte aus dem Bett und ließ die flache Hand auf den Radiowecker sausen. Die Geigen verstummten.
"Aua, der hat mich gehauen." Roman meinte die schrille Stimme wieder zu erkennen, nur dass sie jetzt etwas heiser klang. Kein Wunder.
"Dass du aber auch immer so übertreiben musst, Susi", sagte die Blechstimme.
"Ich kann halt nicht anders, muss mich hier total verausgaben. Gibt ja neuerdings nicht mal mehr Radios mit ordentlichem Resonanzkörper", antwortete Susi beleidigt. Roman drehte erst am Lautstärkeregler, dann versuchte er einen anderen Sender einzustellen.
"Ih, das kitzelt!", kicherte das Radio und verpasste Roman einen winzigen Stromstoß.
"Aua!"
"Jetzt lass den Roman in Ruhe, du verrückt gewordener Schaltkreis", sagte die Blechstimme. "Der kann doch auch nichts für das schlechte Radioprogramm."
"Jetzt reicht's aber langsam. Wer spricht denn da?" Roman hatte Nella im Verdacht. Sie wohnte über ihm, und seit sie sich einmal nachts nach einem Stromausfall näher gekommen waren, hatte sie einen Schlüssel für sein Appartement. Nella war mindestens so verrückt wie er selbst. Aber keine der Stimmen klang nach ihr.
"Susi Spule", flötete die Schrille.
"Thomas Transistor", schepperte das Blech.
"Kuno Kondensator!" Ein dreckiges Lachen folgte.
"Und ich bin Wilma Widerstand. Der Stromstoß vorhin hätte tödlich für dich sein können, wenn ich mich nicht dazwischengeschaltet hätte", behauptete sie mit rauchiger Stimme.
Transistor-Thomas schien der Chef zu sein – egal, wie sehr Kuno sich bemühte, Eindruck zu schinden, und ganz gleich, wie hart Susi Spule im Kern sein mochte. Damit überspielte sie vermutlich nur ihre Minderwertigkeitskomplexe – sie war immer schon dicklich gewesen, und im Laufe der Jahre waren ihre Wicklungen etwas aus der Form geraten. Wilma Widerstand hingegen war eine Klasse für sich, das wusste Roman seit der letzten Reparatur. Klein und rund hatte sie vor ihm gelegen, wie ein süßes rotes Bonbon. Schon damals hatte Roman eine gewisse Zuneigung zu ihr empfunden, das Gefühl aber gleich wieder verdrängt. Schließlich war sie nur ein Elektronikbauteil. Aber jetzt, wo er von ihr träumte – es war doch ein Traum, oder? -, konnte er sich genauso gut mit ihr unterhalten.
"Was macht die Lötstelle, Wilma?", erkundigte er sich.
"Danke, kann nicht klagen. Praktisch schmerzfrei, und das bei voller Ohmzahl. Du bist einfach ein Meister mit dem Lötkolben, das wollte ich dir schon immer mal sagen." Roman errötete, was aber im Schein der roten LED nur wenig auffiel. Um sich abzulenken, fragte er: "Und was habt ihr jetzt vor?"
"Wir waren gerade dabei, ein Hörspiel aufzuführen", rief Kuno.
"Genau", fuhr Susi dazwischen, "das Zeug, das du dir Mittwoch Nacht immer anhörst, das hält ja kein Mensch aus! Hast du dir schon mal überlegt, was du uns damit antust?"
"Ehrlich gesagt nicht", gab Roman zu, "macht doch mal weiter."
"Aber nicht mit dem furchtbaren Hörspiel", wimmerte es da plötzlich. Es waren Shizouko und Sakura, die beiden japanischen Lautsprecherinnen. "Am liebsten würden wir sowieso gleich schlafen gehen."
"Ja wo gibt es denn sowas", polterte Thomas Transistor los, aber Roman unterbrach ihn. "Ist schon in Ordnung. Soll ich euch in Zukunft lieber was vorspielen - eine CD vielleicht? Was mögt ihr denn?" Das Radio schüttelte die Antenne. "Keine Konserven, bitte."
Da begann Wilma zu singen. Kuno brummte den Bass, während Thomas ein düsteres, blechernes Rauschen erzeugte, das wunderbar mit ihrer tiefen, jazzigen Stimme verschmolz. Susi, Shizouko und Sakura summten leise mit. Das Ensemble schien perfekt aufeinander eingestimmt. Roman war sich sicher, dass sie heimlich übten, sobald er die Wohnung verließ. "Schade, dass ihr kein Kassettenfach habt", sagte er, als sie fertig waren, "dann könnte ich euch aufnehmen."
"Was ist denn mit dem Tonbandgerät da drüben?", fragte Susi.
"Da ist ihm doch vorhin 'ne Schraube runtergefallen", erinnerte Thomas.
"Hähä, Roman hat 'ne Schraube locker", röhrte Kuno.
"Klappe", schnurrte Wilma nur.
Shizouko fiepte: "Ich glaube, ich weiß wo die Schraube ist."
"Ehrlich? Hast du sie gesehen?" Roman wurde plötzlich ganz aufgeregt und beugte sein Ohr ganz nahe an die Lautsprecherin, die ihn unfein anrülpste. "Ich bin's nicht", sagte Sakura.
"Entschuldigung." Roman legte sein Ohr auf die andere Seite, und Shizouko flüsterte: "Schau mal unter uns."
Vorsichtig hob Roman den Radiowecker an und fuhr mit der anderen Hand über den Boden. Und da lag sie, eingebettet zwischen Staubwölkchen: die vermisste Schraube. "Danke!", jubelte er und legte das kleine Ding vorsichtig auf seinem Nachtkästchen ab. Er wollte dem Radio eine nette Geste zukommen zu lassen und streckte die Hand nach ihm aus, um es zu streicheln.

Als er das Gehäuse berührte, fuhr ein Stromstoß durch seinen Arm. Er hörte Wilma noch schreien, dann kippte er um.

Anscheinend hatte Wilmas Widerstand ausgereicht, den Stromschlag soweit abzumildern, dass Roman keine bleibenden Schäden davontrug. Er schlief tief und traumlos, bis sich der Radiowecker einschaltete. Roman erinnerte sich an nichts, freute sich aber, als er die Schraube auf dem Nachttisch fand. Als er das Tonbandgerät wieder zusammengebaut hatte und es ans Stromnetz anschloss, meinte er ein leises Hüsteln zu hören.
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